Theaterbauwissen – Objekte, Medien und Diskurse zwischen Kaiserreich und Kaltem Krieg

Jan Lazardzig / Bri Newesely / Kerstin Wittmann-Englert / Franziska Ritter / Halvard Schommartz / Marie-Charlott Schube (Hg.)

17 × 24 cm, 304 Seiten, 80 farb. Abb. ISBN 978-3-98612-083-2

Als öffentliche Bauaufgabe sind Theater ein exponierter Schauplatz für ideologische Konflikte, soziale Fragen und gesellschaftliche Repräsentationen. Dieses Buch widmet sich dem Theaterbau des 20. Jahrhunderts erstmals als Wissensobjekt und stellt die Frage, wie unser Wissen über den Theaterbau und Bühnentechnik produziert, verbreitet und geformt wurde. Die Autor*innen nähern sich dem Thema anhand unterschiedlicher Objekte und Diskurse, von der Architekturausbildung über das kulturelle Erbe bis hin zur Architekturfotografie. 

Theaterbauwissen verfügt über einen sozialen, institutionellen oder auch infrastrukturellen Kontext.

Für das interdisziplinäre DFG-Forschungsprojekt „Theaterbauwissen“, dessen Ergebnisse dieser Band vorstellt, ist eine solche Situiertheit von Wissen gleich in doppeltem Sinn gegeben: Zum einen durch die Perspektive auf Theaterbau als ein „epistemisches Objekt“, als ein Gegenstand also, auf den sich ein je spezifisches Wissens- oder Erkenntnisbegehren richtet. Zum anderen durch den Sammlungszusammenhang selbst, in dem die Materialien und Medien stehen.

Ein zentraler Untersuchungsgegenstand des Projekts ist die sogenannte Theaterbausammlung im

Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin (siehe auch BTR Sonderband 2018). Sie stellt einen wohl weltweit einzigartigen theaterbaulichen und bühnentechnischen Objekt- und Wissenszusammenhang dar und umfasst heute Materialien von den 1920er bis 1980er Jahren zu über 500 Theaterbauten in Deutschland, Österreich, Frankreich, Slowenien, Polen, Tschechien und Russland. In drei  Hauptbestandsschichten mit insgesamt über 5000 Objekten dokumentiert die Sammlung die theaterbaulichen Neuerungen der 1920er und 1930er Jahre, zeigt die Neu- und Umbaumaßnahmen

in der Zeit des Nationalsozialismus und gibt umfassend Einblick in die architektonischen Planungen der westdeutschen Nachkriegsmoderne. Zugleich gibt sie Aufschluss über die Standardisierung und Institutionalisierung von  Theaterbauwissen im Laufe des 20. Jahrhunderts.

Eine zentrale Bestandsschicht der Theaterbausammlung der TU Berlin entstammt einem Dokumentationsprojekt, das Albert Speer 1939 in seiner Funktion als „Generalbauinspektor für

die Reichshauptstadt Berlin“ (GBI) in Auftrag gab: Geplant war ein umfassendes Handbuch mit dem Titel „Das Deutsche Theater“. Bis 1943 wurden an die 375 Theaterbauten im Deutschen Reich fotografiert und mithilfe eines Fragebogens erfasst. Mit der Durchführung dieses Publikationsprojekts beauftragte Speer den in Berlin ansässigen Bauforscher Theodor von Lüpke (1873–1961) sowie ein Team aus Architekten, Bauzeichnern und einer Kunsthistorikerin. Die Arbeit am Handbuch wurde 1944 kurz vor Fertigstellung eingestellt, das Werk blieb unveröffentlicht.

Der zweite Teil dieses Buches ist einzelnen Objekten der Theaterbausammlung der TU Berlin gewidmet. In einundzwanzig Einzelanalysen werden, stets ausgehend von der Materialität und Medialität der Objekte, epistemische Aspekte in den Blick genommen. Ebenfalls aus dem Bestand der Theaterbausammlung stammt die Fotografie auf dem Cover dieses Buches. Es handelt sich um eine Aufnahme des Zuschauerraums des zwischen 1936 und 1938 errichteten „Gautheaters

Westmark“ in Saarbrücken (Architekt: Paul Baumgarten) durch den Fotografen Emil Leitner für das Handbuch „Das Deutsche Theater“. Der Blick fällt durch die „Führerloge“ schräg auf das Bühnenportal. Das auf Pappe aufgebrachte, mit Bleistiftmarkierungen für den Druck vorbereitete Foto legt somit gleich auf mehrfache Weise Zeugnis ab von der Aneignung und ideologischen Überformung tradierter Theaterbauformen im Nationalsozialismus. Eine entsprechende Aufmerksamkeit für die politischen Implikationen epistemischer Verschiebungen und Transformationen im Theaterbauwissen des 19. und 20. Jahrhunderts steht im Mittelpunkt dieses Buches.